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4. Januar 1999

Hohe Berge - gefährliche Strassen

Seit vergangenem Sommer ist der Stäfner Urs Bosshard wieder mit dem Velo unterwegs. Diesmal ist der amerikanische Kontinent sein Ziel. Von Alaska nach Feuerland nimmt er den Doppelkontinent unter die Pedale. Der heutige Reisebericht stammt schon aus dem tiefsten Südamerika und geht damit ins Kernland der Berge, Inka-Kulturen und Hochebenen. Für einen Velofahrer eine besondere Herausforderung, wie Bosshard im folgenden Kapitel schreibt.

Bevor ich Lasso in Ecuador verliess, reizte mich noch der höchste aktive Vulkan der Welt, der Cotopaxi. So stellte ich das Fahrrad einige Tage länger weg und montierte die Steigeisen, damit ich in Begleitung eines Führers den 5897m hohen Cotopaxi erreichen konnte. Das Wetter war leider miserabel und wir hätten beinahe umkehren müssen. Doch es reichte dennoch zu Gipfelfreuden. Die Sicht betrug allerdings keine 30m. Erst am Abreisetag in Lasso konnte ich den Gipfel zum ersten Mal sehen. Ein wirklich sehr schöner Berg.

Einen Tag später ging es über den ersten 4000er und zwar mit dem Rad. Es war schon speziell auf dieser Höhe zu fahren, doch mittlerweile ist diese Höhe gerade einmal Durchschnitt. Von Ecuador fuhr ich an die Küste von Peru, und dort fuhr ich auch einige Tage entlang. Doch es passte mir nicht recht, denn es war eine einzige Wüste und der Wind fegte mich beinahe vom Fahrrad. Es war eine sehr anstrengende und auch langweilige Distanz und ich freute mich, von Trujillo aus endlich in die Berge zu gehen. Warnungen über die Strasse nahm ich nicht ernst, zu oft waren sie schon falsch. Doch diesmal hatten die Leute recht. Es war keine Strasse, sondern nur ein Pfad, der nur mit einem Geländewagen und auch nur bei schönem Wetter zu bewältigen war oder eben mit einem Fahrrad. Immerhin war ich der erste Verrückte, der diesen Weg unter die Räder nahm. Mein Gepäckträger hatte jedoch gar keine Freude an meiner Routenwahl und so ging er gleich mehrmals in die Brüche. Inzwischen könnte ich schon fast selber schweissen, so oft habe ich den Mechanikern dabei schon zugeschaut.

Nach meinem Trip in die Berge, fuhr ich wieder auf der Panamericana. Auch der Weg nach Nasca war ziemlich langweilig, aber es können halt auch nicht alle Strecken interessant sein. In dieser kleinen Stadt musste ich natürlich schon die mystischen Linien besichtigen, doch begeistert war ich von ihnen keineswegs. Sie waren mir zu wenig speziell, oder vielleicht bin ich auch zu wenig Esotheriker um dahinter das Werk von Ausserirdischen zu sehen.

Mein nächstes Ziel war Cusco, und davon versprach ich mir wesentlich mehr. Aber auch dieser Weg war alles andere als ein Kinderspiel. Es gab Flussdurchquerungen, wo ich bis zur Hüfte im Wasser stand, und weitere Probleme mit dem Fahrrad hielten mich einige Zeit auf. Doch nach einer langen und vor allem sehr kalten Woche mit Schnee erreichte ich Cusco, eine wunderschöne Stadt. Am folgenden Tag fuhr ich gleich mit dem Zug nach Machu Picchu wo ich die Inka-Stadt besuchte. Es war sehr interessant, den Vergleich mit den Mayas in Mittelamerika zu sehen. Während mich die Bauten der Mayas als Einzelwerke betrachtet wesentlich mehr faszinierten, überzeugte mich Machu Picchu vor allem als Gesamtes. Es war schon eindrücklich, wie extrem in den Berg diese Stadt gebaut wurde.

Von Cusco aus kam ich auf die klassische Touristenroute nach La Paz. Wie alle Touris besuchte auch ich die "floating islands" in Puno und stand bei Sonnenuntergang auf dem Calvario in Copacabana und schaute über den Titikakasee. Dieser tiefblaue See war etwas vom schönsten, das ich auf meiner Reise sah. Hier konnte ich auch die Finger von den Fischgerichten lassen. Eigentlich sagte ich mir in Mexiko, dass ich keine Meeresfrüchte und Fische mehr essen werde, doch von den köstlichen Forellen konnte ich kaum genug bekommen.

La Paz war mir alles andere als gütig gesinnt. Ein fürchterlicher Hagelsturm, wie ich ihn noch nie erlebt hatte erwartete mich oben auf der Kante und dazu platzte auch noch mein Reifen. Die Qualität des Materials, das ich hier bekomme, ist sowieso eines der grössten Probleme. Alles hält höchstens einen Drittel der Zeit und dann ist es kaputt. Es kostet zwar auch nur ein Fünftel, aber dennoch kann solches Material sehr gefährlich sein. Für den folgenden Tag plante ich nämlich einen Ausflug über die Todesstrasse zu machen und auf einer solchen Strecke enden solche Defekte meist verheerend. Doch vorher prüfte ich das Rad auf Herz und Nieren und erneuerte viele Teile, besonders die Bremsklötze.

Leider regnete es am nächsten Tag in Strömen und ich musste meine Ausfahrt abblasen, zu gefährlich schien es mir zu sein. Einen Tag später schien dann die Sonne und ich freute mich auf ein ganz spezielles Erlebnis. Ich wurde auch nicht enttäuscht, doch auf dem Pass auf 4700m zog dichter Nebel auf und ich sah nur einige Meter. Ein paar Meter tiefer begann es auch noch zu regnen, also genau das Wetter, welches ich nicht haben wollte. Die Strasse verwandelte sich zu einem einzigen Bach, nicht gerade angenehm zum Fahren. Doch die Strasse mochte ich dennoch, sie ist wirklich recht extrem, und einige Fahrzeuge lagen total zerschmettert einige hundert Meter tiefer im Tal. Mit dem Fahrrad war es aber nicht so gefährlich, man darf einfach auf keinen Fall die Strasse verlassen, auch nicht 5cm, sonst ist es um einen geschehen. Die Kulisse auf dieser gefährlichsten Strasse der Welt ist aber einmalig, und ich würde sie gleich wieder fahren, so begeistert war ich von ihr. Doch auch ich kam nicht ohne Probleme durch. Am Vortag ass ich nämlich wieder einmal etwas Schlechtes auf dem Markt und konnte während 36h absolut nichts mehr zu mir nehmen. Da ich aber nur mit der "leichten Packung" für einen Tag unterwegs war, schaffte ich es trotz allem. Wesentlich mehr beschäftigten mich die Bremsen. Während ich mit meinen zwei bis anhin verbrauchten Bremsklotzsätzen jeweils über 10'000km und beinahe 100 Höhenkilometer fuhr, reichten die neuen Bremsschuhe keine 50km Abfahrt. Der Regen und der Dreck wirkten wie Sandtuch und ich musste viel improvisieren, damit ich noch genügend Bremskraft entwickeln konnte. Zurück nahm ich wie geplant den Bus, aber mein Magen hätte ein Fahren auch nicht mehr zugelassen. Das ist eben das Risiko, das man eingeht, wenn man auf dem Markt isst, aber auf dieses Essen möchte ich nicht verzichten. Wenn ich jeden Monat einen Tag ausser Gefecht bin, dann liegt das im Rahmen und bis Feuerland bin ich so statistisch gesehen nur noch einen Tag krank. Falls alles mehr oder weniger nach meinen Vorstellungen verläuft, werde ich Ende Januar nach rund 200 Tagen und 28'000km im Süden von Argentinien sein.

 

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© Andreas Bosshard, 12.01.99