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10. September 1998

Der lange Weg nach Mexiko

Urs Bosshard berichtet von seiner Veloreise von Alaska nach Feuerland

Der Start meines Abenteuers verlief alles andere als wunschgemäss. Nebel, Regen, Wind und frostige Temperaturen waren meine ersten Begleiter, und das im hohen Norden von Alaska. Vor mir lag die weite Tundra. Kein Baum, kein Busch, nur braunes Gras, der 800 km lange Dalton Highway und die Trans-Alaska-Pipeline. Auf dem ganzen Weg bis nach Fairbanks gab es gerade mal einen einzigen Truck-Stop, wo ich Essen kaufen konnte, sonst war links und rechts von mir nur eine unendlich scheinende Wildnis. - Keine 50 km waren gefahren, schon blieb ich in der rostroten Erde der Strasse stecken. Der Schlamm verschmitzte die Ritzel des Fahrrades dermassen, dass die Kette über die Zahnkränze sprang. Fahren war unmöglich. Alle paar Kilometer misste ich das Ganze reinigen, und das bei Temperaturen, die mich an den Winter erinnerten. Erste Zweifel ob des Gelingens meines Unterfangens kamen auf. Hätte ich nicht schon einige Erfahrungen mitgebracht, ich glaube, ich wäre schon nach wenigen Tagen wieder zu Hause gewesen. Zum Glück kam es aber wie erwartet besser, und bald schon gewöhnte ich mich an das einfachere Leben auf der Strasse. Nach fünf langen Tagen war die Schotterstrasse geschafft. Alles was nicht wirklich niet- und nagelfest war ging in Brüche. Das war aber auch nicht anders zu erwarten, denn jeder noch so schlechte Waldweg in unseren Breitengraden wäre im Vergleich eine Autobahn gewesen. Etwas weniger ruppig, aber immer noch oft auf Kiesstrassen, ging es nach Kanada, dem grössten Land des Kontinents. Über den "Top of the world", den Klondike, den Alaska und den Cassiar Highway fuhr ich immer nur Richtung Süden

Der erste Bär in der freien Natur

Wie erhofft, sah ich in Kanada meinen ersten Bären in freier Wildbahn, und erst noch einen Grizzli. Keine 20 Meter vor mir kreuzte er zweimal die Strasse. Klar, dass ich anhielt und ihm den Vortritt gewährte, obwohl er von links kam und ich auf der Hauptstrasse war. Er schaute mich an, ging in den Wald, blieb für kurze Zeit stehen und sprang nachher in seinem typischen tolpatschig wirkenden Schritt davon. Auch ich machte mich wieder auf den langen Weg nach Südamerika.

Unterwegs wurde ich oft angesprochen, warum ich das alles mit dem Fahrrad mache und was meine Motivation sei. Immer gab ich die gleiche Antwort. Einfach so, nur aus Spass. Klar reizt mich die Herausforderung, etwas spezielles zu machen; aber es ist sicher nicht die Hauptmotivation. Die meisten verstanden mich, einige aber schüttelten nur den Kopf. Für sie blieb ich wohl ein Verrückter. - Die letzten paar tausend Kilometer fuhr ich immer in den Rocky Mountains. Durch viele Nationalparks führte mich meine Reise, und kaum einen Pass liess ich aus. So kam ich denn auch schon auf 3300 Meter. Im Hinblick auf die Anden gerade einmal ein lockeres Einfahren. Wesentlich mehr Mühe als die hohen Pässe machten mir die kleineren in Arizona zu schaffen. Gestern stieg ich auf einer Strecke von 10 Kilometern gute 900 Meter höher. An und für sich noch nichts Besonderes, gerade als Schweizer. Wenn jedoch das Thermometer 109 Grad Fahrenheit im Schatten anzeigt, und diesen gibt es, sofern man nicht die Grösse einer Ameise hat, nirgends. Ich weiss zwar nie hat genau, wieviel Grad Celsius das sind, aber soviel sei gesagt, es war ziemlich warm. Obwohl das Thermometer fast täglich so hoch klettert, ist es dann dem Fahrtwind noch knapp auszuhalten, und bald werde ich auch wieder in höhere Regionen kommen, wo es nicht mehr so heiss sein wird (hoffentlich).

An der Grenze zu Mexiko

Nach 47 Tagen und mehr als 8200 km stehe ich nun in Douglas an der Grenze zu Mexiko. Ich habe viel Gutes, aber auch weniger Erfreuliches über das Land gehört. Jedenfalls beginnt nun das zweite Kapitel meiner Reise, und es wird sich zeigen, ob meine im letzten halben Jahr erworbenen Spanischkenntnisse genügen. Trotzdem langen Weg, den ich bereits hinter mir habe, bin ich bei bester Gesundheit und freue mich auf das Neue, das kommen wird

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Der Stäfner Urs Bosshard ist mit dem Velo unterwegs von Alaska nach Feuerland. An dieser Stelle wird er von Zeit zu Zeit aus seinem Tagebuch erzählen.

 

»Publikation mit freundlicher Genehmigung der Zürichsee-Zeitung«

 

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© Andreas Bosshard, 09.12.98