9. Juli 1998 (Toni Piëch)
30000 Kilometer auf zwei Rädern
Stäfa: Urs Bosshard beginnt morgen seine Fahrt mit dem Velo von Alaska nach Feuerland
Nicht genug, dass er am letzten Wochenende zum fünften Mal in Serie Ruder-Schweizer-Meister im Leichtgewichts-Doppelvierer geworden ist, und auch nicht genug, dass er vor drei Jahren mit dem Velo bereits einmal in 79 Tagen um Europa gefahren ist. Für den Stäfner Urs Bosshard ist keine Herausforderung gross genug. Morgen startet er zu einer Velotour, die ihresgleichen sucht: Mit dem Fahrrad will er die amerikanischen Kontinente von Norden nach Süden durchqueren, von Alaska nach Feuerland, oder in sieben Monaten rund 30000 Kilometer. Dabei lässt er nichts aus, was die Reise so anspruchsvoll macht. Auch nicht die Anden, in denen Pässe von bis zu 4800 Meter Höhe auf ihn warten. Seit er von seiner Fahrt rund um Europa zurückgekehrt ist eine Strecke von 17000 Kilometern steckt er in den Vorbereitungen zu seinem neusten Abenteuer. Er ist zuversichtlich, denn zum Gelingen brauche es vor allem ein bisschen Glück, gemischt mit gesundem Menschenverstand".
Vom Eismeer bis nach Feuerland
Stäfa: Urs Bosshard will 30000 Kilometer mit dem Fahrrad zurücklegen
Morgen, am 10. Juli, geht der Stäfner Urs Bosshard auf eine weite Reise. Mit dem Velo will der waschechte Seebueb von Alaska bis nach Feuerland fahren. Kein Rekordversuch, sondern der pure Spass steht dabei im Vordergrund.
Sieben Monate will der Stäfner Urs Bosshard auf dem Fahrrad verbringen. Seine Reise führt ihn vom Norden Alaskas bis nach Feuerland (Argentinien). In den Anden wird er Pässe von 4800 Höhenmetern bezwingen, andernorts durch politisch unsicheres Gebiet fahren. Erfahrungen hat der 25jährige Seebueb schon vor drei Jahren gesammelt, als er in 79 Tagen rund um Europa gefahren ist.
Biochemie und Rudern
Seit seiner Geburt lebt Urs Bosshard in Stäfa. Der 25jährige hat Biochemie studiert und ist sportlich sehr aktiv. Nachdem er sich ab dem elften Lebensjahr dem Orientierungslauf gewidmet hat, entdeckte er mit 17 den Rudersport. Seit damals hat er sich begeistert dieser Disziplin verschrieben und auch mehrere nationale Titel gewonnen.
Ich bin schon immer gerne Velo gefahren", erklärt Bosshard. Für ihn sei das ein guter Ausgleichssport gewesen. Als kleines Training nebenbei" fuhr der Stäfner täglich mit dem Fahrrad zur Uni. Der Zeitaufwand war nicht grösser als mit der Bahn. Die Idee, mit dem Fahrrad grössere Herausforderungen zu suchen, wurde an einem grauen Novembermorgen in der Cafeteria der Uni geboren. Sie liess den Stäfner nicht mehr los, bis er die Reise 1995 realisiert hat. Er war von der Fahrradtour um Europa so begeistert, dass er beschloss, eine noch grössere Herausforderung anzunehmen. Mit der geplanten Tour vom Eismeer bis nach Feuerland hat er diese wohl gefunden. Er erwartet von der kommenden Tour mehr Wildnis und Abenteuer, könne sich aber weniger Fehler leisten als in Europa. Wie bei seiner ersten Tour stehe aber nur eins im Vordergrund: der Spass.
Das Fahrrad
Sein Fahrrad hat er, seinen eigenen Wünschen gemäss, selber zusammengebaut. Hilfe bekam er dabei von Vinz Niedermann aus der Veloteria in Stäfa. Das Gefährt wiegt, mit Gepäckträger, doch stolze 14 Kilogramm. Aus seiner Europa-Tour habe er viel gelernt, erklärt Urs Bosshard, deshalb sehe sein Fahrrad auch anders als bei der letzten Tour aus. Felgen, Speichen, Bremssystem und viele kleine Details haben sich verändert. Bosshard wählte bewusst einen schwereren Stahlrahmen, da dieser überall wieder zusammengeschweisst werden könne. Bis alles an seinem Rad genau gepasst hat, verbrachte der Stäfner sicher vier Monate damit, es zu testen und zu verändern. Was er denn an Gepäck mit nehmen wolle? Alles was ich brauche, aber nichts, was ich nicht brauche", antwortet er lachend. Den einzigen Luxusartikel, den er mitnehme, sei seine Kamera. Auf seiner Europa-Reise hatte er keine dabei. Auf der kommenden Reise hat er vier Posten eingerichtet, an denen er Material auffrischen kann: In den Vereinigten Staaten, Mexiko, Bolivien und Chile. In Quito, der Hauptstadt Ecuadors, sucht der sportliche Stäfner noch eine Adresse, um einen fünften Posten einrichten zu können.
Eineinhalb Jahre Vorbereitung
Seit dem Ende der ersten Fahrradtour vor drei Jahren steckt Urs Bosshard in der Vorbereitung, seit eineinhalb Jahren in der konkreten Planung für das kommende Abenteuer. Von der Routenplanung über die Beschaffung der Visa bis hin zur Berücksichtigung der politischen Situationen in den einzelnen Ländern mussten viele Dinge durchdacht und geplant werden. Der Seebueb las einen Menge diesbezüglicher Literatur und verschaffte sich die Basis in der spanischen Sprache. Nun, da die gesamte Planung abgeschlossen ist, geht es los: Am 10. Juli ist Abreisetermin.
Erinnerung an die erste Reise
In den 80 Tagen der ersten Reise fühlte sich Urs Bosshard nie allein. Er habe manchmal eher das Bedürfnis gehabt, ein wenig mehr Zeit für sich zu haben, so viele Leute habe er kennengelernt. In andern Ländern sei man auf die Einheimischen angewiesen, müsse sie ansprechen, um etwas zu finden oder zu bekommen. Die grosse Hilfsbereitschaft der Leute hatte den Stäfner auf seiner ersten Tour aber sehr positiv überrascht. Eine Fahrt auf dem Rad sei nicht mit einer Autofahrt zu vergleichen. Man werde nass, friere und bei praller Sonne schmore man, erklärt Bosshard. Die körperliche Belastung sei für ihn überhaupt kein Problem gewesen. Fit müsse er für so eine Tour schon sein, aber es seien eher die Details, das Waschen, Zeltaufbau und Reparieren, die viel Energie kosten.
Glück und Menschenverstand
Sein persönliches Umfeld habe eigentlich durchwegs positiv auf seine Abenteuerpläne reagiert, erklärt Urs Bosshard. Die verständlichen Sorgen der Eltern konnten durch sorgfältige Planung einigermassen beruhigt werden, und seine Freunde seien begeistert von der Idee. Bosshard selber ist überzeugt davon, dass er die Tour erfolgreich beenden wird. Abschliessend verrät er sogar sein Erfolgsrezept für das kommende Abenteuer: Ein bisschen Glück, gemischt mit normalem Menschenverstand."
»Publikation mit freundlicher Genehmigung der Zürichsee-Zeitung«
© Andreas Bosshard, 09.12.98