Trans-Amerika Bericht No. 4 vom 21.11.98
Hallo
Alle, die keinen Internet - Anschluss haben, hören nun auch wieder einmal etwas von
mir. Zur Zeit befinde ich mich in Cusco (Peru) und werde morgen wie alle Touristen Macchu
Pichu besuchen. Wenn ihr auf der Karte nachschaut, seht ihr, dass ich nur ganz wenig weit
gekommen bin, aber das hat alles einen Grund.
In Lasso (Equador) blieb ich nämlich eine ganze Woche. Ich bestieg dort noch rasch den
höchsten aktiven Vulkan der Welt und kam so immerhin auf eine Höhe von 5897m. Der Name
dieses Berges ist Cotopaxi. Als Alexander von Humboldt 1802 dort vorbeikam schrieb er
folgende Zeilen: "Cotopaxi's shape is the most beautiful and regular of all the
colossal peaks in the high Andes. It is a perfect cone covered by a thick blanket of snow
which shines so brilliantly at sunset it seems detached from the azure of the sky".
Dass Alex mit dieser Aussage wirklich recht hatte, sah ich nach sieben Tagen, denn an
meinem Abreisetag sah ich den Gipfel zum ersten Mal. Ich war zwar zuoberst auf dem Berg,
doch die Sicht war so schlecht, dass ich gar nichts gesehen habe. Nach einer Woche ohne
einen einzigen Meter mit dem Fahrrad gefahren zu sein, ging es über den ersten 4000er.
Die ersten Meter waren ungewohnt und die Beine wollten noch nicht so recht, obwohl ich
nach dem Berg nochmals einen Ruhetag eingeschaltet hatte. Doch mit der Zeit lief es mir
wieder besser und ich fühlte mich so wohl wie vorher. Der 4000er war wie erwartet ein
Kinderspiel, wenn man direkt vom Hochgebirge kommt. Nach diesem Pass fuhr ich bis ans Meer
runter, wo ich auch einige Tage blieb. Mein Weg führte mich an endlosen Bananenplantagen
und Zuckerrohrfeldern vorbei. Auf der arg verlöcherten Strasse brach dann erneut der
Gepäckträger, doch das konnte provisorisch repariert werden.
Tumbes war dann die erste Stadt in Peru. Die Grenze zwischen diesen zwei Ländern war
ein einziger Graus und ich schaute, so rasch wie möglich aus dieser Zone weg zukommen. Da
wurde man fast während dem Fahren beklaut und musste sich vor allem vor den Geldwechslern
in Acht nehmen. Den ersten Tag in Peru fuhr ich praktisch immer der Küste entlang. Das
war sehr reizvoll, doch danach begann das Leiden. Die Gegend wurde immer öder und
unbewohnter. Nur der Wind schien hier heimisch zu sein. In Orkanstärke blies er mir
direkt ins Gesicht. Wäre die Landschaft ja schön gewesen, wäre das nur halb so tragisch
gewesen, aber es war eine einzige Wüste. Die einzige Abwechslung die es gab, waren
Pet-Flaschen die durch die Luft flogen! Man kann sich also vorstellen, wie der Wind so
toben musste. Die Gegend war mehr oder weniger topfeben und staubtrocken. Ich kam einfach
nicht vom Fleck, aber ich musste teilweise beinahe 200 km fahren, da kein einziges Haus
dazwischen war und ich konnte nicht zelten dazwischen, da ich zu wenig Wasser hatte. So
blieb mir nichts anderes übrig als knapp elf Stunden im Sattel zu sitzen und mich wehrlos
dem Wind auszusetzen. Das kostete nicht nur physisch sehr viel Kraft, sondern auch mental.
El niño sorgte vor ein paar Monaten für eine kleine Abwechslung. Damals regnete es
nämlich derart intensiv, dass die Flüsse, die durch die Wüste flossen so mehr oder
weniger alle Brücken wegspülten. Doch als ich da war, sah man ausser der defekten
Strasse nichts, alles war so trocken wie vermutlich vorher. Als ich endlich in Trujillo
eintraf, war das so wie eine kleine Erlösung, denn von da aus ging es in die Berge. In
Trujillo wurde ich von verschiedenen Personen gewarnt in die Berge zu fahren, da die
Strasse miserabel sei. Doch diese Warnungen nahm ich einmal mehr nicht wahr, denn schon zu
oft entsprachen sie gar nicht der Wahrheit und schliesslich habe ich schon den Dalton Hwy
in Alaska hinter mir, also kann das gar nicht so schlimm sein, dachte ich mir. Aber für
einmal täuschte ich mich gewaltig. Was in den nächsten Tagen auf mich zukam, hätte ich
nicht für möglich gehalten. Die Strasse wurde wirklich immer schlechter und schlechter.
Von Trujillo ging es nach Otuzco, Santiago de Chuco, Mollepata, Galgada, Huallanca, Recuay
und Barranca. Der dritte und der vierte Tag brachten mich wahrlich ans Limit und ich
fluchte über die Kartenhersteller. Die "Strasse" war derart schlecht, dass
keine Busse mehr verkehrten und man den Weg nur noch mir einem allradgetriebenen
Geländewagen bewältigen konnte und das auch nur bei schönem Wetter. Dafür war ich
immerhin der erste Fahrradfahrer, der diesen Pfad unter die Räder nahm. Auf der Karte
(Nelles map, Equador/Peru), war die Strasse aber mit einer doppelten Linie gezeichnet, ein
absoluter Schwachsinn. Selbst auf einer OL-Spezialkarte im Massstab 1:10'000 würde man
einen solchen Weg nur mit einer gestrichelten Linie versehen. Dazu kam, dass Strassen
schlicht erfunden wurden und Orte einfach an die Strasse gesetzt wurden, obwohl sie in Tat
und Wahrheit 20km von dieser entfernt war. Das führte dazu, dass ich einmal einen Pass
hinauf und wieder hinunter fuhr und das nur wegen der Karte. Zum Glück hatte noch eine
zweite Karte vom "Instituto Geografico Nacional" aber auch diese wies Fehler
auf. Schon komisch, wenn es nicht einmal die Elite des Landes zustande bringt, eine
fehlerfreie Karte zu produzieren. Doch immerhin war diese Karte brauchbar, was man von der
ersten nicht sagen konnte. Gleich schlecht war nur noch die Karte von Mexiko. Bei dieser
stimmten wenigstens die Strassen mehr oder weniger, doch diese erfand einfach Dörfer oder
strich Städte mit 50'000 Einwohnern ersatzlos von der Karte. Bahnlinien wurden nach
Gutdünken verschoben und Distanzen geschätzt. Nun gut, ich habe schliesslich den Weg
immer gefunden, aber ich musste mich sehr häufig durchfragen. Auf dem Weg von Mollepate
nach Galgada brach der Gepäckträger erneut, aber diesmal hatte ich keine Chance ihn zu
reparieren. Natürlich passierte das mitten in der Wildnis. Die Strasse war schon nicht
die beste, aber dafür war die Umgebung sensationell. Mir blieb nichts anderes übrig, als
alles Gepäck hinten zu befestigen. Da ich weit weg von der Zivilisation war, musste ich
zwei Tage so umherfahren, ehe ich einen Mechaniker fand, der mir alles wieder
zusammenschweisste.
Von Galgada aus fuhr ich in einer imposanten Schlucht, ehe ich entlang der peruanischen
Schweiz wieder auf 4000 m fuhr. Als ich wieder am Meer war, erwartete mich der gleiche
Wind wie eine Woche zuvor. Doch diesmal war es weniger schlimm. Ich konnte zwar auch keine
20 km/h fahren, was wirklich ein Schneckentempo ist, aber für einmal kam mir das gerade
rasant vor. In den Bergen brauchte ich für 100 km gerade neuen Stunden was einem Schnitt
von rund 11 km/h entspricht. Ursprünglich hatte ich vor, länger in den Bergen zu
bleiben, doch der Weg führte zu einem Umdenken und so fuhr ich eben voll durch Lima und
das erst noch genau im ärgsten Morgenverkehr. Das war das Extremste was ich jemals
erlebte. Die Busfahrer fuhren wie Gestörte und schossen mich mehrmals beinahe ab. Da war
ich ja wirklich froh, dass ich mich auf meine Magura-Bremsen verlassen konnte, sonst
würde vermutlich ein Kreuzchen mehr an der Strasse stehen. Das würde allerdings nicht
auffallen, zu viele säumen die Strasse. Solche Fahrer gehörten eigentlich wegen
Gefährdung von Leib und Leben, oder wie man dem auch sagen würde, hinter Schloss und
Riegel. Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen den Ausweis gekauft, was hier für
knapp 50 Franken möglich ist. Noch günstiger ist es, die Prüfung zu schreiben und dem
Polizisten ein kleines Trinkgeld zu geben. So kommt man mit knapp 10 Franken davon, aber
fahren kann man deswegen noch lange nicht. Ich war jedenfalls heilfroh, diese Stadt
unfallfrei passiert zu haben.
In Nasca, besichtigte ich natürlich die mystischen Linien. Mit einem Kleinflugzeug
flog ich über das riesige Gebiet. Es war noch ganz interessant, mehr aber nicht, zu
normal schienen mir auch die Figuren. Sie waren noch lange kein Grund, um an ein Werk von
Ausserirdischen zu glauben, den Esotherikern beizutreten oder ein Anhänger von Erich von
Däniken zu werden. Nach dem Flug fuhr ich noch am gleichen Tag in die Berge. Hier war die
Strasse mit der gleichen Priorität wie die Panamericana eingezeichnet, aber ich wusste,
dass das nicht im entferntesten zutraf, denn ich traf Tinu und Peter, zwei Schweizer aus
dem Simmental, die mit einem VW-Bus von Feuerland her kamen. Von ihnen erhielt ich einige
nützliche Tips und Informationen über die Strecke. Wenig höher als auf Meereshöhe
folgte der längste Aufstieg meiner Reise. 84 km ging es nonstop aufwärts und das mit
durchschnittlich 5% Steigung. So war ich exakt sieben Stunden später auf doch schon
beachtlichen 4200m. Da das Wetter bitterkalt war und das Dorf auf der Karte aus einem
einzigen Haus bestand, fragte ich dort eben nach einem kleinen Plätzchen für eine Nacht.
Klar war das kein Problem und so schlief ich wohlig warm mit meinem Schlafsack. Wenn ich
an dieser Stelle ab und zu über schlechte Produkte herziehe, dann werde ich auch die
guten erwähnen, doch das erst am Schluss. Ich will ja keine Lorbeeren verteilen und dann
taugt das Produkt doch nichts. Da der Schlafsack aber kaum kaputtgehen kann, darf ich ihn
schon frühzeitig erwähnen. Die folgenden Tage fuhr ich in der Pampa, immer auf über
4000 m. Eigentlich wäre diese Höhe und die schlechte Strasse kein Problem, wenn es aber
jeden Tag regnet und die Strasse dermassen aufgeweicht ist, dass schon geradeaus fahren zu
einer Kraftanstrengung wird, dann ist das etwas anderes. Auf einem Pass kam ich sogar in
einen Schneesturm. Eine ziemliche Schweinekälte herrschte da oben. Nach drei Tagen in der
Höhe folgte eine erste grosse Abfahrt auf Kies und Schotter, also ganz in Ordnung. Auch
die waschbrettähnliche Strasse war noch verkraftbar, was da wesentlich mehr auf den Keks
ging, waren die endlosen Flusspassagen. Da führte die Strasse einfach durch das Wasser.
Die ersten paar konnte ich ja noch fahren, doch das Wasser wurde immer dreckiger und
tiefer. Ich konnte den Boden nicht mehr sehen und so musste ich jeweils mit einem Fuss ins
Wasser stehen. Doch Fuss ist da wahrlich etwas untertrieben. Häufig erreichte das Wasser
Knietiefe, einmal spülte es mir das Rad beinahe unter mir weg, denn das Wasser sprudelte
bis übers Rad. Die Vordertaschen waren also ganz unter Wasser. Kein schlechter Test, um
die Taschen auf ihre Dichtheit zu prüfen. Nachdem ich einige Modifikationen vornehmen
musste, sind sie nun wirklich dicht. Hätte ich da nicht gefütterte Neoprensocken gehabt,
mir wäre sicher eiskalt gewesen, so aber hielt sich alles im Rahmen. Doch die ganze
Abfahrt konnte ich nicht geniessen. Gerade als die endlosen Baustellen vorbei waren und
die Strecke zu einem mittelprächtigen Kiesweg mutierte, brach die zweite Öse für den
hinteren Gepäckträger vom Rahmen ab. Ich versuchte noch eine Konstruktion mit Schrauben,
doch mir war kein Erfolg beschieden. Als nach 5 Minuten ein Camion vorbeifuhr und anbot,
mich in die nächste Ortschaft zu fahren, willigte ich nach kurzem Nachdenken ein. Dazu
muss ich sagen, dass die nächste Ortschaft genau 100 km entfernt war. Ein wenig bedauerte
ich es schon, nicht mit dem Fahrrad zu fahren, denn es ging 100 km einem Fluss entlang
bergab, aber ich hatte keine andere Wahl. In Abancay liess ich die gebrochenen Ösen
wieder anschweissen. Das war eine Sache von einer knappen Stunde. Als ich aber die
Schraube eindrehte, brach diese. Man konnte aber eine Mutter anschweissen und so die
Schraube herumdrehen. Beim zaghafteren Versuch an einer anderen Öse ging es auch hier
nicht mehr weiter. Sofort hörte ich auf und wollte die Schraube herumdrehen und da brach
auch diese und zwar genau im Gewinde. Der Mechaniker musste nun die Bruchstücke heraus
bohren. Zusammen mit dem Mechaniker ging ich in eine Ferreteria. Es gab mindestens 20
Eisenwarenhändler in dieser Stadt, aber bei 19 bekam man ausser Schrott gar nichts. In
der einzigen brauchbaren fanden wir die richtigen Schrauben und vor allem ein Werkzeug
(Made in Germany), um das Gewinde neu zu schneiden. Durch das Schweissen hat sich das
Gewinde dermassen verzogen, dass es unbrauchbar wurde. Nachdem ich aber alle Gewinde neu
geschnitten hatte, konnte ich sie wieder gebrauchen. Das kostete aber alles in allem sehr
viel Zeit, so dass es sich nicht mehr lohnte, erneut in die Berge zu fahren. Das wurde auf
den nächsten Tag verschoben. Dafür hatte ich Zeit, ein gutes Restaurant zu suchen, denn
ich wollte unbedingt einmal ein Cuy essen. Für uns Mitteleuropäer ist der Anblick schon
etwas gewöhnungsbedürftig, aber das Fleisch war köstlich. Zu der Mahlzeit trank ich
einen "Mate de Coca", das Nationalgetränk der Peruaner.
Zum Schluss noch etwas zur Gesundheit. Ich fühle mich immer noch super und geniesse
das Leben (meist) auf dem Fahrrad. Nachdem ich zwischenzeitlich sogar zwei, drei Kilogramm
zugenommen habe, sind diese in den Bergen auf der Strecke geblieben. Ich ass zwar immer
bis ich genug hatte und dann noch ein bisschen mehr, aber das reichte anscheinend nicht
ganz und so habe ich schon fast wieder mein Wettkampfgewicht. Nun muss ich schauen, dass
das nicht so weiter geht, aber ich mache mir noch keine Sorgen. Hier in Cusco muss ich
aber noch Magnesium-Tabletten kaufen, denn dieser Elektrolyt fehlt mir, obwohl ich
täglich ein Supradyn (Vitamin- und Mineralstoffkapsel) zu mir nehme. In der Nacht bin ich
nämlich manchmal nahe an einem Krampf und das brauche ich nicht unbedingt.
Anscheinend werden meine Eltern immer wieder gefragt, wie ich im Zeitplan stehe. Einen
exakten Zeitplan gibt es nicht, doch ich denke, dass ich wie geschätzt Ende Januar (nach
rund 200 Tagen) in Feuerland sein werde. Ich kann zwar die Tierra del Fuego schon fast
sehen, aber der Weg ist noch steil und vor allem steinig. Ich bin somit direkt auf die
Swiss Indoors wieder zu Hause und erst noch mit vielen roten Blutkörperchen, die erst
noch natürlich! gezüchtet wurden. Nein Spass beiseite, nächstes Jahr wird dieser
Wettkampf wohl ohne mich über die Bühne gehen, aber man weiss ja nie. So, jetzt habe ich
aber viel geschrieben. Macht's gut und bis zum nächsten Mal.
Urs
20.8.98 10.9.98 21.10.98
27.10.98 4.11.98
3.12.98 6.12.98 6.1.99
11.2.99

© Andreas Bosshard, 16.02.99