Alle, die über keinen Internetanschluss verfügen, hören nun nach
langer Zeit wieder etwas von mir. Seit Mexiko habe ich viel erlebt und bin durch einige
Länder gereist. Zurzeit bin ich in Lasso (Ecuador). Damit es für Euch etwas einfacher
ist, diesen Ort auf der Karte zu finden, gebe ich noch die genaue Position bekannt. Ich
befinde mich exakt auf einer Höhe von 3014 m, 00°47,404 S und 78°36,772 W. Gleich neben
mir ragt der bekannteste Vulkan des Landes in den Himmel, doch dieser Name sei nicht
verraten.
Bevor ich Euch mehr von der Reise erzähle, möchte ich nochmals kurz auf
"meine" Homepage zurückkommen, die mein Bruder für mich errichtet hat. Denn
wie ich erfuhr, wissen einige noch nicht, das so etwas existiert. Unter der Adresse
www.up2u.ch findet ihr nämlich noch viel mehr Informationen zur Tour und immer die genaue
Position von mir. Auch sind die ersten Fotos online, die nächsten werden in gut drei
Wochen abrufbar sein. Also, schaut mal rein und überzeugt euch selbst.
Seit ich im Norden von Alaska losfuhr, sind 100 Tage vergangen und ich bin 16500
km weit gekommen. Genau um 8.21 Uhr dieses Tages kreuzte ich die imaginäre Äquatorlinie
und so bin ich nun nicht nur in Südamerika, sondern auch auf der Südhalbkugel.
Als ich den letzten Rundbrief verfasste, stand es alles andere als rosig um meine
Gesundheit. Mir wurden in einem Restaurant schlechte Meeresfrüchte serviert, die mich
einige Tage zur Ruhe zwangen. Mit etwas Chemie, sprich Antibiotika, wurden die kleinen
Organismen bekämpft, so dass ich bald wieder bei Kräften war und mich zur Zeit blendend
fühle.
Das Hochwasser im Süden von Mexiko konnte ich perfekt umfahren, nur war der Umweg
über 1000 km lang. Dafür kam ich auf die Route der "Mundo Maya". So besuchte
ich die Orte Palenque (Mexiko), Tikal (Guatemala) und natürliche auch Copan (Honduras).
Es waren sehr eindrückliche Bauten und alle wunderschön restauriert. Die Mayas
verstanden es wirklich, langlebig zu bauen, denn im Urwald, wo sich diese historischen
Stätte befinden, zerfällt ausser Stein einfach alles. Auch ich bekam das zu spüren,
denn nach zweieinhalb Monaten war das Schaltungskabel durchgerostet und riss.
In Guatemala fuhr ich auf einer üblen Schotterpiste durch den Urwald, zum ersten Mal
musste ich leiden. Die Schläge waren enorm und ich wäre mit Gehen beinahe gleich schnell
gewesen. Ansonsten litt das Fahrrad bei weitem mehr als ich. Es gingen so einige Stücke
in Brüche und oft waren es die superteuren Teile. Alles aufzuzählen ginge zu lange, aber
auf der Hompage findet ihr eine Liste.
In Mittelamerika waren endlos Zollpassagen angesagt, wobei mich der nicaraguanische
Zoll am meisten nervte. Stundenlang wurde ich von einem Büro ins andere delegiert, nur um
überall eine Unterschrift zu verlangen. Natürlich musste ich immer einige Dollars liegen
lassen, die eigene Währung wurde nicht akzeptiert. Das pikante an der Sache war, dass man
aber keine Dollars erhielt und ich nicht mehr viele besass. Das Pünktchen auf dem i war,
dass ich für das Fahrrad noch ein Fahrzeugpapier brauchte, das gleiche wie für einen
Schwertransporter. Es war aber absolut egal was drauf stand, Hauptsache man hat ein
solches Papier mit vier Durchschlägen ausgefüllt. Die eigentliche Passage selbst war ein
Kinderspiel. Ob der Pass echt oder eine Person gesucht war, spielte keine Rolle, man
schaute sich lieber die verschiedenen Stempel an und schlussendlich stimmte die Kasse ja
und das war das Einzige was zählte.
In Costa Rica lief das alles wesentlich professioneller ab. Auch sonst fühlte ich mich
in diesem Land wohler als in den Ländern vorher. Am meisten schätzte ich allerdings das
köstliche Essen. Man bekam endlich einmal etwas anderes als Tortillas.
Meine geplante Krokodilsafari auf dem Rio Tarcotes sagte ich ab, da mir diese
Riesentiere auch sonst begegneten. Da ich aber auf einer langen Brücke stand, war es
absolut ungefährlich für mich. Weniger gross, aber mindestens so schön waren die Tucane
und Papageien, die über mich flatterten oder die Affen, welche in den Bäumen herum
turnten.
In Panama war ich nur Transit und reiste gleich nach Medellin weiter. Hier musste ich
aber ins Flugzeug steigen, denn es gibt dort keine Strasse. Ursprünglich wollte ich noch
durch den Darien Urwald fahren und mit einem kleinen Sportflieger nach Turbo übersetzen.
Doch ich entschied mich anders, denn in dieser Region wimmelt es nur so von Guerillas. Im
Buch "the most dangerus places in the world" wurde Turbo als der gefährlichste
Ort eingestuft, weit gefährlicher als offizielle Kriegsschauplätze. Zudem soll vor einem
Jahr ein russischer Radtourist umgebracht worden sein. Somit war klar, dass ich eine
andere Route wählen würde. Da ich in der Nacht in Medellin ankam, nahm ich gleich das
erste Hotel. Es war zwar ein teurer Edelbunker, dafür war ich sicher aufgehoben.
In Kolumbien verhielt ich mich wie in Mexiko, Honduras und Nicaragua. Ich erkundigte
mich immer nach den gefährlichen Orten und falls diese auf meinem Weg lagen, musste ich
eben eine andere Strasse nehmen, aber oft kam das zum Glück nicht vor.
Trotz allem ist es nach Mittelamerika und Kolumbien an der Zeit, etwas über die
Sicherheit zu schreiben. Obwohl ich mich oft erkundigte, war es mir nicht immer wohl. So
wurde in Mexiko 30 m vor mir von halbuniformierten Personen über die Strasse geschossen.
Nicht gerade beruhigend, wenn man Sekunden später genau in der Schusslinie steht. Ob das
eine Einheit der Polizei war, mag ich bezweifeln, zuwenig uniform waren die Männer
gekleidet. Als die kuriosen Gestalten mich jedoch sahen, hatten sie eine Riesenfreude und
winkten mir zu. Auch als sie mich wenig später in zwei schwarzen Kastenwagen mit
verdunkelten Scheiben überholten, schwenkten sie wie wild ihre Hände, so dass eigentlich
keine Angst aufkam.
Wesentlich unwohler fühlte ich mich einmal in Kolumbien, als ich jenseits der
Zivilisation, aber auf der Panamericana, an einem grünen Ford neueren Jahrgangs
vorbeifuhr. Er hatte die Pannenblinker eingeschaltet und stand still. Der Beifahrer
rutschte unruhig umher, während der Fahrer seine Zigarette aus dem Fenster warf. Das
störte mich in diesem Augenblick derart, dass ich keuchend auf den Boden starrte, damit
ich ihn nicht grüssen musste. Wenige Pedalumdrehungen später knallte es laut. Im ersten
Moment dachte ich, ein Reifen sei geplatzt und drehte mich erschrocken um. Aber alles war
in Ordnung und da wurde auch schon ein zweites und drittes Mal geschossen. Da wollte ich
nur noch so schnell wie möglich weg, aber genau das war nicht möglich, denn ich befand
mich am Fusse eines Berges und musste 2000 Höhenmeter hinauf und es gab keine einzige
Verzweigung. Ich war somit über drei Stunden unterwegs und mit dem Auto in ein paar
Minuten einholbar. Ein echt mieses Gefühl war das, so machtlos zu sein. Ich war froh
über jeden Schwertransporter, der nur wenig schneller als ich den Berg hoch kroch und mir
Gesellschaft leistete. Mit Ausnahme dieser zwei Ereignisse gab es nie Probleme. In
Honduras knallte es zwar auch in jeder Nacht, was hingegen Schüsse waren und was nur
Knallkörper, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Da ich bei Dunkelheit grundsätzlich
in meiner Unterkunft blieb, interessierte mich das aber wenig. Nun liegen die
Krisenländer hinter mir und es sollte eigentlich keine Probleme mehr geben. Allerdings
muss ich sagen, dass ich in all den Ländern ausnahmslos sehr nette und hilfsbereite Leute
getroffen habe.
Hier in Lasso bleibe ich einige Tage, denn mein Fahrrad braucht eine Totalrevision.
Nachdem der EMS Paketservice der Post meine Sendung nach Mexiko mit Ersatzmaterial
verloren hat, bin ich froh, dass es wenigstens UPS mit viel Umtrieb zustande brachte, mir
das dringendst benötigte Material in Ecuador zuzustellen. Nun muss ich viele Teile
ersetzen oder reparieren. Langweilig wird es mir also bestimmt nicht. Aber es bleibt auch
genügend Zeit, einmal die Beine hochzulagern.
Auf dem Weg nach Feuerland werde ich als nächstes sicher noch die eine oder andere
Inkastätte besuchen. Dabei hoffe ich vor allem auf besseres Wetter, denn seit Wochen
regnet es mindestens einmal pro Tag. Mit Ausnahme eines Passes (2900 m) in den USA, den
ich überquerte, regnete es immer, wenn ich auf einer Höhe von über 2700 m war, und ich
war schon sehr oft so hoch. Obwohl ich hier am Äquator bin, war es auf 3500 m bei
sintflutartigem Regen so kalt, dass ich kaum noch mein Fahrrad halten konnte! Die Abfahrt
war der reinste Horror. Dass es aber auch angenehm warm sein kann, durfte ich heute an
meinem Ruhetag spüren. So wünsche ich mir für die nächsten zehn- bis elftausend
Kilometer nur etwas weniger feucht von oben und dass mein Fahrrad nach der Rosskur wieder
fit ist.
Bis zum nächsten mal