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Trans-Amerika  Bericht No. 3 vom 21.10.98

Alle, die über keinen Internetanschluss verfügen, hören nun nach langer Zeit wieder etwas von mir. Seit Mexiko habe ich viel erlebt und bin durch einige Länder gereist. Zurzeit bin ich in Lasso (Ecuador). Damit es für Euch etwas einfacher ist, diesen Ort auf der Karte zu finden, gebe ich noch die genaue Position bekannt. Ich befinde mich exakt auf einer Höhe von 3014 m, 00°47,404 S und 78°36,772 W. Gleich neben mir ragt der bekannteste Vulkan des Landes in den Himmel, doch dieser Name sei nicht verraten.

Bevor ich Euch mehr von der Reise erzähle, möchte ich nochmals kurz auf "meine" Homepage zurückkommen, die mein Bruder für mich errichtet hat. Denn wie ich erfuhr, wissen einige noch nicht, das so etwas existiert. Unter der Adresse www.up2u.ch findet ihr nämlich noch viel mehr Informationen zur Tour und immer die genaue Position von mir. Auch sind die ersten Fotos online, die nächsten werden in gut drei Wochen abrufbar sein. Also, schaut mal rein und überzeugt euch selbst.

Seit ich im Norden von Alaska losfuhr, sind 100 Tage vergangen und ich bin 16’500 km weit gekommen. Genau um 8.21 Uhr dieses Tages kreuzte ich die imaginäre Äquatorlinie und so bin ich nun nicht nur in Südamerika, sondern auch auf der Südhalbkugel.

Als ich den letzten Rundbrief verfasste, stand es alles andere als rosig um meine Gesundheit. Mir wurden in einem Restaurant schlechte Meeresfrüchte serviert, die mich einige Tage zur Ruhe zwangen. Mit etwas Chemie, sprich Antibiotika, wurden die kleinen Organismen bekämpft, so dass ich bald wieder bei Kräften war und mich zur Zeit blendend fühle.

Das Hochwasser im Süden von Mexiko konnte ich perfekt umfahren, nur war der Umweg über 1000 km lang. Dafür kam ich auf die Route der "Mundo Maya". So besuchte ich die Orte Palenque (Mexiko), Tikal (Guatemala) und natürliche auch Copan (Honduras). Es waren sehr eindrückliche Bauten und alle wunderschön restauriert. Die Mayas verstanden es wirklich, langlebig zu bauen, denn im Urwald, wo sich diese historischen Stätte befinden, zerfällt ausser Stein einfach alles. Auch ich bekam das zu spüren, denn nach zweieinhalb Monaten war das Schaltungskabel durchgerostet und riss.

In Guatemala fuhr ich auf einer üblen Schotterpiste durch den Urwald, zum ersten Mal musste ich leiden. Die Schläge waren enorm und ich wäre mit Gehen beinahe gleich schnell gewesen. Ansonsten litt das Fahrrad bei weitem mehr als ich. Es gingen so einige Stücke in Brüche und oft waren es die superteuren Teile. Alles aufzuzählen ginge zu lange, aber auf der Hompage findet ihr eine Liste.

In Mittelamerika waren endlos Zollpassagen angesagt, wobei mich der nicaraguanische Zoll am meisten nervte. Stundenlang wurde ich von einem Büro ins andere delegiert, nur um überall eine Unterschrift zu verlangen. Natürlich musste ich immer einige Dollars liegen lassen, die eigene Währung wurde nicht akzeptiert. Das pikante an der Sache war, dass man aber keine Dollars erhielt und ich nicht mehr viele besass. Das Pünktchen auf dem i war, dass ich für das Fahrrad noch ein Fahrzeugpapier brauchte, das gleiche wie für einen Schwertransporter. Es war aber absolut egal was drauf stand, Hauptsache man hat ein solches Papier mit vier Durchschlägen ausgefüllt. Die eigentliche Passage selbst war ein Kinderspiel. Ob der Pass echt oder eine Person gesucht war, spielte keine Rolle, man schaute sich lieber die verschiedenen Stempel an und schlussendlich stimmte die Kasse ja und das war das Einzige was zählte.

In Costa Rica lief das alles wesentlich professioneller ab. Auch sonst fühlte ich mich in diesem Land wohler als in den Ländern vorher. Am meisten schätzte ich allerdings das köstliche Essen. Man bekam endlich einmal etwas anderes als Tortillas.

Meine geplante Krokodilsafari auf dem Rio Tarcotes sagte ich ab, da mir diese Riesentiere auch sonst begegneten. Da ich aber auf einer langen Brücke stand, war es absolut ungefährlich für mich. Weniger gross, aber mindestens so schön waren die Tucane und Papageien, die über mich flatterten oder die Affen, welche in den Bäumen herum turnten.

In Panama war ich nur Transit und reiste gleich nach Medellin weiter. Hier musste ich aber ins Flugzeug steigen, denn es gibt dort keine Strasse. Ursprünglich wollte ich noch durch den Darien Urwald fahren und mit einem kleinen Sportflieger nach Turbo übersetzen. Doch ich entschied mich anders, denn in dieser Region wimmelt es nur so von Guerillas. Im Buch "the most dangerus places in the world" wurde Turbo als der gefährlichste Ort eingestuft, weit gefährlicher als offizielle Kriegsschauplätze. Zudem soll vor einem Jahr ein russischer Radtourist umgebracht worden sein. Somit war klar, dass ich eine andere Route wählen würde. Da ich in der Nacht in Medellin ankam, nahm ich gleich das erste Hotel. Es war zwar ein teurer Edelbunker, dafür war ich sicher aufgehoben.

In Kolumbien verhielt ich mich wie in Mexiko, Honduras und Nicaragua. Ich erkundigte mich immer nach den gefährlichen Orten und falls diese auf meinem Weg lagen, musste ich eben eine andere Strasse nehmen, aber oft kam das zum Glück nicht vor.

Trotz allem ist es nach Mittelamerika und Kolumbien an der Zeit, etwas über die Sicherheit zu schreiben. Obwohl ich mich oft erkundigte, war es mir nicht immer wohl. So wurde in Mexiko 30 m vor mir von halbuniformierten Personen über die Strasse geschossen. Nicht gerade beruhigend, wenn man Sekunden später genau in der Schusslinie steht. Ob das eine Einheit der Polizei war, mag ich bezweifeln, zuwenig uniform waren die Männer gekleidet. Als die kuriosen Gestalten mich jedoch sahen, hatten sie eine Riesenfreude und winkten mir zu. Auch als sie mich wenig später in zwei schwarzen Kastenwagen mit verdunkelten Scheiben überholten, schwenkten sie wie wild ihre Hände, so dass eigentlich keine Angst aufkam.

Wesentlich unwohler fühlte ich mich einmal in Kolumbien, als ich jenseits der Zivilisation, aber auf der Panamericana, an einem grünen Ford neueren Jahrgangs vorbeifuhr. Er hatte die Pannenblinker eingeschaltet und stand still. Der Beifahrer rutschte unruhig umher, während der Fahrer seine Zigarette aus dem Fenster warf. Das störte mich in diesem Augenblick derart, dass ich keuchend auf den Boden starrte, damit ich ihn nicht grüssen musste. Wenige Pedalumdrehungen später knallte es laut. Im ersten Moment dachte ich, ein Reifen sei geplatzt und drehte mich erschrocken um. Aber alles war in Ordnung und da wurde auch schon ein zweites und drittes Mal geschossen. Da wollte ich nur noch so schnell wie möglich weg, aber genau das war nicht möglich, denn ich befand mich am Fusse eines Berges und musste 2000 Höhenmeter hinauf und es gab keine einzige Verzweigung. Ich war somit über drei Stunden unterwegs und mit dem Auto in ein paar Minuten einholbar. Ein echt mieses Gefühl war das, so machtlos zu sein. Ich war froh über jeden Schwertransporter, der nur wenig schneller als ich den Berg hoch kroch und mir Gesellschaft leistete. Mit Ausnahme dieser zwei Ereignisse gab es nie Probleme. In Honduras knallte es zwar auch in jeder Nacht, was hingegen Schüsse waren und was nur Knallkörper, konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Da ich bei Dunkelheit grundsätzlich in meiner Unterkunft blieb, interessierte mich das aber wenig. Nun liegen die Krisenländer hinter mir und es sollte eigentlich keine Probleme mehr geben. Allerdings muss ich sagen, dass ich in all den Ländern ausnahmslos sehr nette und hilfsbereite Leute getroffen habe.

Hier in Lasso bleibe ich einige Tage, denn mein Fahrrad braucht eine Totalrevision. Nachdem der EMS Paketservice der Post meine Sendung nach Mexiko mit Ersatzmaterial verloren hat, bin ich froh, dass es wenigstens UPS mit viel Umtrieb zustande brachte, mir das dringendst benötigte Material in Ecuador zuzustellen. Nun muss ich viele Teile ersetzen oder reparieren. Langweilig wird es mir also bestimmt nicht. Aber es bleibt auch genügend Zeit, einmal die Beine hochzulagern.

Auf dem Weg nach Feuerland werde ich als nächstes sicher noch die eine oder andere Inkastätte besuchen. Dabei hoffe ich vor allem auf besseres Wetter, denn seit Wochen regnet es mindestens einmal pro Tag. Mit Ausnahme eines Passes (2900 m) in den USA, den ich überquerte, regnete es immer, wenn ich auf einer Höhe von über 2700 m war, und ich war schon sehr oft so hoch. Obwohl ich hier am Äquator bin, war es auf 3500 m bei sintflutartigem Regen so kalt, dass ich kaum noch mein Fahrrad halten konnte! Die Abfahrt war der reinste Horror. Dass es aber auch angenehm warm sein kann, durfte ich heute an meinem Ruhetag spüren. So wünsche ich mir für die nächsten zehn- bis elftausend Kilometer nur etwas weniger feucht von oben und dass mein Fahrrad nach der Rosskur wieder fit ist.

Bis zum nächsten mal

Urs

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© Andreas Bosshard, 16.02.99