Trans-Amerika  Bericht No. 6 vom 11.2.1999

So, nun ist es also soweit. Ich bin am "fin del mundo" (Ende der Welt) angelangt und somit ist meine Traumreise zu Ende. Am 9. Februar erreichte ich Ushuaia und das bei tiefen Temperaturen, eisigem Wind und strömendem Regen. Mein Tachometer zeigt nach knapp sieben Monaten Reise genau 28'520 km an. Meinen letzten Bericht schrieb ich ja in Santiago und das war doch noch ein rechtes Stück weiter im Norden. Die ersten Tage kam ich schnell Richtung Patagonien, denn auf der Ruta 5 gibt's nun wirklich nichts zu sehen. Beim ersten Übergang nach Argentinien, fuhr ich zum x-ten Mal über die "Cordillera de los Andes". Die Berge waren zwar nicht mehr hoch, etwa so wie in der Schweiz, dafür waren sie um so steiler und die Strassen waren schlecht. Ich wusste wenigstens danach, warum pro Tag höchstens ein Auto diesen Übergang benutzt. Mehrmals hatte ich das Gefühl total "i de Schnitz" zu stehen. Doch wider meiner Erwartungen kam eine Migration. So fuhr ich durch das wunderschöne Seengebiet, durch die Nationalparks von Laninn und Nahuel Huapi. Es war einfach super, und das Wetter spielte voll mit. Nur die Strasse war etwas gar sandig, und ich musste dank der vielen Touristen, die oft mit Vollspeed über die Piste bolzen, einiges an Sand und Staub schlucken und nach einem Tag war ich etwa so schmutzig wie nach einem Querfeldeinrennen.

Kurz vor Barliloche ging ich wieder zurück nach Chile, um dort den Seen entlang zu fahren. Auch vernahm ich von einem Deutschen, dass ich am Fusse des Osornos, einem eindrücklichen Vulkan, Lachse fischen könne. Das wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen, denn schliesslich kam ich in Alsaka nicht dazu, da ich dort abseits der Lachsgründe fuhr. Ich hatte dann das Glück, Pepi, einen pensionierten Schweizer kennenzulernen, der seit Jahren dorthin geht um das Petri Heil herauszufordern. Zusammen mit ihm wollte ich einen schönen Lachs an der Angel haben. Er warnte mich allerdings vor, dass es dieses Jahr sehr, sehr schlecht sei. El Niño brachte das ganze Öko-Gleichgewicht durcheinander, so dass die paar wenigen Fische einfach nicht beissen wollten. So wartete auch ich vergebens, dass sich ein Salmon in meinen Angelhaken verbeisst. Nach gut zwei Stunden mussten wir fluchtartig den Platz verlassen, denn hunderte von grossen Bremsen wollten uns aussaugen. Es war schrecklich, überall gestochen zu werden. Etwas abseits war die Plage glücklicherweise nur noch halb so schlimm. Trotz des nicht gefangenen Fisches und der kleinen Plagegeister war es ein gelungener Tag.

Von den chilenischen Lachszucht-Seen fuhr ich weiter zur Insel Chiloé, wo ich unbedingt die Pfahlbauten in Castro sehen wollte. Auf der Touristeninformation wurde mir gesagt, dass in Yutui, einer Halbinsel in der Nähe von Castro ein kulinarisches Fest stattfinde. Da ich ja logischerweise immer hungrig war und auch einheimische Spezialitäten kosten wollte, kam mir das sehr gelegen. So liess ich mich mit einem kleinen Boot übers Meer fahren und verköstigte mich dort. Obwohl ich einmal sagte, dass ich auf dieser Reise keine Meeresfrüchte mehr essen werde, brach ich mein Wort und tat es trotzdem. Diesmal waren die Muscheln und die anderen Sachen aber wirklich frisch. Das war bei der Nähe des Pazifiks nun wirklich auch kein Problem.

Von Chiloé ging’s weiter über die berühmte Carretera Austral. Von dieser Strecke berichteten viele, dass andauernder Regen das Wetterbild beherschte. Die paar Tage, die ich auf ihr fuhr, konnte ich diese Erfahrung aber nicht teilen. Bei mir war stets schönes Wetter und wenig Wind. Dass ich auf einer Kiesstrasse fuhr, brauche ich vermutlich nicht zu sagen, denn hier im Süden sind die geteerten Kilometer gezählt. Mitten in der Wildnis, traf ich Urs und Susanne. Sie schrieben mir zweimal einen Eintrag ins Gästebuch und per Zufall zelteten wir am genau gleichen Ort.

Was das Pannenpech betraf, war mir nicht gerade viel Glück beschieden. Ich hatte das Gefühl, über jeden Nagel oder sonstigen spitzen Gegenstand zu fahren; ich war nämlich sehr oft am Reparieren. Ein weiterer Bruch einer Befestigungsplatte des Gepäckträgers kam auch noch dazu. Doch logischerweise war ich auf diesen Defekt vorbereitet, und es war nur eine Sache von Minuten, bis ich alles mit Klemmringen wieder in Ordnung brachte. Ein Bruch des hinteren Gepäckträgers wog da schon schwerwiegender. Ich sah es aber rechtzeitig und konnte es bei einem Mechaniker schweissen lassen. Ich war mich ja gewohnt, solche Stätten aufzusuchen und mittlerweile kannte ich auch das branchenspezifische Vocabulaire. Zusätzlich liess ich noch eine weitere Verstärkung anbringen, damit das Teil hielt und es tat es sogar bis hierher.

Auf der Carretera Austral war ich mir nicht sicher, ob ich die berüchtigte Ruta 40 in Argentinien umfahren wollte. Es wäre jedoch mit einem Umweg von 400 km verbunden gewesen. Da ich auf dem Weg dorthin von einem Fahrradfahrer erfuhr, dass man auf dieser Rute scheitern kann, reizte mich die Herausforderung. Genau dieses Stück musste ich auch fahren. Respekt hatte ich eigentlich keinen, denn schliesslich bin ich durch Südbolivien gekommen, sagte ich mir. Es wäre lediglich zur Schonung des Materials gewesen. Von den Horrorgeschichten über die Ruta 40 war dann auch nur ein kleiner Bruchteil wahr. Die Strasse war gar nicht so schlecht und die gefürchteten Winde herrschten auch noch nicht. Klar, es wehte schon so, dass man zwischendurch absteigen musste, da man sonst von der Strasse geschmissen worden wäre, doch das geschah nicht sehr oft. Nur der Regen passte mir nicht, denn zusammen mit dem Wind war es schon empfindlich kühl. Mir gefiel auch die Gegend überhaupt nicht und so hiess es nur, so lange wie möglich auf dem Sattel sitzen und schnellstmöglich nach Calafate zu kommen. Wäre ich nicht von so weit oben gestartet, hätte ich, wie die meisten Fahrer, vermutlich den Bus genommen oder die Tour früher beendet. Doch das war nicht der Fall und so musste ich eben da durch.

Die Atmosphäre, die auf der 40 herrschte, war hingegen genial. Alle die man sah, waren am Beginn einer langen Reise oder sie waren schon deutlich länger als ein Jahr "on the road". Da traf ich zum Beispiel zwei Franzosen, die auf dem Weg nach Alaska waren, oder ich überholte zwei Deutsche am Abend, die mir schon vor Wochen angekündigt wurden. Sie waren wie ich von Alsaka nach Ushuaia unterwegs. Da sie aber früher rasteten, sah ich sie erst am Gletscher Perito Moreno, wo ich noch einen Kanadier kennenlernte, der ebenfalls von Kanada nach Ushuaia unterwegs war oder immer noch ist. Und es gab da noch viele andere, die schon lange unterwegs waren. Ursprünglich war ich mir ja gar nicht sicher, ob ich überhaupt zum schönsten Gletscher der Welt fahren wollte, da das doch mit 250 Zusatzkilometern verbunden war, und ich hin und zurück den gleichen Weg nehmen musste. Aber schon seit Wochen war für mich ganz klar, dass ich dorthin einen Abstecher machen würde. Aus dem halben Tag, den ich am Gletscher zu verbringen gedachte, wurden zwei Nächte. Ich war so beeindruckt, dass ich einfach nur stundenlang dem Gletscher zuschaute und zuhorchte. Es war eindrücklich, wenn eine 55 m hohe Eiswand auf rund 30m Breite abbricht und mit einem Riesenkrach ins Wasser fällt. Die Flutwelle nach diesem Fall von rund 500 Kubikmetern Eis war gewaltig. Wenn alles mit normalen Dingen zu und her geht, solltet Ihr die stürzenden Wände demnächst auf dem Netz sehen können. Da ich so lange vor dem Gletscher stand, sah ich doch einige imposante Wände fallen. Schliesslich wächst der Gletscher immer noch täglich zwei Meter und Platz gibt es keinen mehr, also bricht er eben ab. Nach diesem genialen Schauspiel, wurde es wieder ruhiger.

Zurück auf der Ruta 40 wollte ich in den Nationalpark Torres del Paine in Chile gehen, um dort einen Eintagesausflug zu machen. Leider brach aber ein Stück der Felge, und das hielt mich davon ab. Ich wollte nur noch so schnell wie möglich nach Ushuaia. Doch von schnell konnte keine Rede sein. Die gefürchteten Patagonienwinde wehten voll. Ich konnte es mir echt nicht vorstellen, wie es ist, bei solchen Windstärken zu fahren. Zum Glück herrschte kein Verkehr, sonst wäre es sehr gefährlich geworden. Bei Seitenwind kam es oft vor, dass man keine 20m fuhr und dann auf der anderen Strassenseite auf die Bremse treten musste, um nicht vom Kiesbett zu fliegen. Ich könnte hier noch viel davon erzählen, aber das ist etwas, was man erlebt haben muss, beschreiben kann man das nur ungenügend. Dass es aber keinen Spass machte, wenn man in 65 min knapp 9 km weit kommt, obwohl man voll am Limit fährt, brauche ich wohl nicht speziell zu erwähnen, und wer da etwas anderes behauptet, dem glaube ich kein Wort.

Als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, auf dieser Reise einen Kondor zu sehen, flog doch tatsächlich noch einer mit seinem schönen weissen Kragen knapp über mich. Ein Foto konnte ich aber nicht machen, ich war zu langsam, dafür kamen mir sonst viele schöne Tiere vor die Linse. In Punta Arenas, die Tierra del Fuego schon in Sichtweite, musste ich natürlich noch zu den Pinguinen. Die waren echt niedlich, und ich schloss sie gleich in mein Herz.

Danach kam die Fährfahrt über die Magellanstrasse zu meinem Ziel der Tour, zur "isla grande" oder auch "Tierra del Fuego". Dass ich mein endgültiges Ziel erreichen würde, war noch gar nicht sicher. Die Vorderradfelge sah ganz übel aus, und weitere zwei Stücke von dem Aluteil brachen weg. Ich musste sehr vorsichtig fahren, was gar nicht zu mir passte. Dennoch kam mein letzter Tag. Eine Triumpf-Fahrt wurde es dennoch nicht, da es schon früh am Morgen zu regnen begann und die Schneefallgrenze gerade 100m höher war. Gegenwind, Berge und eine furchtbare Schlammpiste vertrieben die Freude am Fahren. Einzig der Wille bald am Ziel zu sein trieb mich voran. Ich fror brutal. Selbst Plastiktüten in den dicken Winterhandschuhe halfen nur wenig. Ich hatte nirgends so kalt wie hier. Doch es sollte ja bald ein Ende haben. Ich war vorerst einmal glücklich, ein warmes Haus (Jugi) gefunden. Die Freude ein megamässiges Abenteuer beendet zu haben beginnt erst heute und wird sicher noch lange anhalten. Bevor ich nach Hause komme, werde ich nach Iguazu (Argentinien/Brasilien) reisen und danach eventuell noch etwas in Buenos Aires bleiben, falls ich das Rückflugdatum nicht ändern kann. Spätestens werde ich aber am 23. Februar wieder in Zürich sein.

Viele Grüsse vom "fin del mundo" und bis zum nächsten Mal aus Stäfa.

 

Urs

 

© Andreas Bosshard, 15.03.99