Trans-Amerika Bericht No. 2 vom 10.9.98
So, nun melde ich mich also wie versprochen von Mexiko. Diesmal ist meine Lage doch einiges leichter ausfindig zu machen. Ich bin in Ixmiquilpan, exakt ein Breitengrad nördlich von Mexiko City. Da mir die Hauptstadt Mexikos doch etwas zu gross ist, habe ich die Nordumfahrung über die Berge gewählt. Was ich Euch letztes Mal auch noch verschwiegen habe, ist mein Kilometerstand. Zur Zeit steht die Anzeige auf 10'374 km und genau 60 Tage sind vorbei. Jetzt will ich aber erzählen, was ich so alles erlebt habe.
Im Süden der USA (Arizona) war es wie erwartet recht heiss. Darüber konntet Ihr ja in der Zeitung lesen. Dass die Amis ein durch und durch motorisiertes Volk sind, das bekam ich eines schönen Tages zu spüren. Ich fuhr nämlich auf einer Landstrasse nach Willcox. 50 km lang war keine Strassenkreuzung, dann stand ich bei der Autobahn und kein Weg führte mich weiter. Ich bin ja schon schnell unterwegs, aber 5 PS hab ich doch nicht in meinen Beinen untergebracht. So wurde diese Strasse für mich zu längsten Sackgasse. Ich überlegte mir ernsthaft, für die 10 km den Freeway zu nehmen. Es patrouillierten aber zu viele Polizeiautos, also blieb mir nur hitch hiking" übrig. Das klappte erstaunlich gut, denn schon das erste Monster von einem Auto hielt an und nahm mich mit. Nur gut, dass es nicht ein wenig südlicher passierte, denn dort warnten Tafeln davor, Leute mitzunehmen, da das Staatsgefängnis in unmittelbarer Nähe war. Weil ich aber nicht wie ein entflohener Sträfling aussah, denke ich jedenfalls, fand ich eine Mitfahrgelegenheit.
Danach kam der mexikanische Zoll, der Schritt ins Ungewisse. Ohne dass ich es richtig merkte, war ich schon in Mexiko. Ich musste nirgends meinen Pass zeigen. Ziemlich verwundert ging ich ins Zollbüro, da ich eine Touristenkarte brauchte. Ich weiss zwar nicht wie es ging, aber nach einer Viertelstunde hielt ich ein Visum für sechs Monate in der Hand und bezahlt hatte ich nichts. Sachen gibt s!
Nun folgte gleich einmal eine Bergstrecke, denn ich kam für kurze Zeit auf eine Höhe von gut 1000 m herab und musste wieder auf die Standardhöhe von rund 2000 m. Auf diesem Weg spielte mir die Karte ihren ersten bösen Streich. Es war schwüles Wetter und meine Trinkflaschen (5 ½ l) waren nach 90 km leer. Eigentlich hätte aber nach 40 und 80 km ein Dorf kommen sollen, aber es stand nicht einmal ein einziges Haus. Wasser gab es schon (wenig), aber das war so schmutzig, dass man es nicht einmal filtrieren konnte. Ich hatte eine echte Krise und das nächste Dorf lag 50 km entfernt. Das war unmöglich und ich überlegte mir, wie ich am besten ein Auto anhalten kann. Wundersamerweise kam plötzlich mitten im Gebirge ein Haus und es war erst noch ein Restaurant. So hatte ich nochmals Glück und kam zur ersehnten Tranksame. Noch am gleichen Abend stockte ich deshalb meinen Trinkvorrat um weitere 3 l auf. Das wäre aber bis jetzt nie mehr nötig gewesen, denn die Temperatur ist drastisch gesunken. Meist fahre ich in langen Kleidern und Handschuhen. Ich dachte immer, in diesen Breitengraden gäbe es keine so ausgeprägten Jahreszeiten wie bei uns. Wenn aber Regen, Wind und stockdichter Nebel keine eindeutigen Anzeichen des Herbsten sind, dann weiss ich auch nicht weiter. Übrigens plagte mich volle 2000 km ein konstanter Gegenwind, so dass am Abend gerade einmal ein Schnitt von 20 km/h zustande kam. Doch über das Wetter in den Bergen möchte ich mich nicht beklagen, auch wenn einmal bei einem sintflutartigen Regenschauer das Wasser auf der Strasse weit über den Knöchel floss und ich abstehen musste, weil ich nicht wusste, ob es mir das Vorderrad wegreissen würde. Als ich jedoch die Bilder der Baja California sah, hatte ich im Vergleich dazu ein Riesenschwein. Ich überlegte es mir nämlich ernsthaft, die Route zu ändern und über die Halbinsel zu fahren, da ich von allen Seiten soviel Gutes über diesen Teil hörte. Das wäre fatal gewesen. So gut es geht bleibe ich noch in den Bergen, denn die Hurrikon-Zeit dauert noch bis Ende September.
Mexiko als Land gefällt mir sehr gut. Auch die Leute sind bis jetzt super und über die Strassen gibt es nichts zu meckern, schon gar nicht wenn man von Alaska kommt. Gefahren wird meist fast normal. Einzig zweimal wurde auch ich von einem Truck in den Strassengraben gezwungen. Die Fahrer überholten sehr knapp und zogen danach ihre Schlitten scharf an den Strassenrand, so dass die Zwillingsräder mich sicher gestreift hätten, wäre ich nicht mit einem bunny hop" in die Böschung gesprungen. Sonst sind aber viele fahrradbegeistert und winken mir zu. Hier gäbe es viele kleine Geschichten zu erzählen, aber etwas muss ich ja auch noch für später aufbewahren.
Wahrscheinlich bekommt Ihr meinen nächsten Brief erst von Quito, aber man weiss ja nie, wie das Leben so spielt.
Urs
© Andreas Bosshard, 15.03.99