Trans-Amerika  Bericht No. 1 vom 20.8.98

So, nun schreibe ich meinen ersten Rundbrief. Und damit keine Fragen aufkommen, mir geht es blendend, und ich bin immer, oder fast immer, guter Dinge. Zurzeit befinde ich mich in Teasdale (Utah). Mehr sei nicht verraten, schaut einfach auf der Karte nach und dann werdet Ihr es vermutlich schon finden. Eine kleine Hilfe sei noch gegeben. Teasdale ist in den Rocky's und liegt auf einer Höhe von 7000 Fuss und hat gerade einmal 140 Einwohner.

Nun aber alles von Anfang an. Es war an einem kühlen, nebligen, regnerischen und vor allem windigen Sonntagmorgen, hoch oben im Norden von Alaska, genauer in Prudhoe Bay. Vor mir lag die weite Tundra und sonst nichts. Die nächste Ortschaft war Fairbanks, und die lag immerhin rund 800 Kilometer weiter im Süden. Da meine innere Uhr noch nicht ganz umgestellt hatte, erwachte ich sehr früh morgens. Bereits um 4.30 Uhr konnte man das Frühstück zu sich nehmen und so machte ich mich wenig später auf den langen Weg nach Südamerika. Schon nach wenigen Kilometern wurde aus meiner Traumreise harter Radleralltag. Der Regen weichte die Strasse, oder besser gesagt die Schotterpiste dermassen auf, dass die Kette über die Ritzel sprang und an ein Weiterfahren nicht zu denken war. Erst mussten die hinteren Zahnkränze vom ärgsten Schmutz befreit werden und danach konnte ich wieder einige Gänge einlegen. Für alle, die den Dokumentarfilm "Traumstrasse der Welt" gesehen haben; die Realität im Norden ist ganz genau wiedergegeben. Vor mir lag das Nichts. Keine Bäume, keine Sträucher, auch die Gräser waren nur knöchelhoch. Die Strasse wäre ein Thema für sich. Nur soviel sei gesagt: Jeder auch noch so miserable Waldweg in unseren Breitengraden wäre im Vergleich eine Autobahn. Alles was nicht wirklich niet- und nagelfest war, ging bereits auf den ersten Kilometern in die Brüche. Mein grösstes Problem war aber das Essen. Ich durfte nämlich keine Esswaren nach Amerika einführen und in Prudhoe Bay konnte ich nichts kaufen. So war meine Ernährung die ersten Tage recht eintönig. Den ersten Tag ass ich noch die im Hotel gemachten Sandwiches und vom zweiten Tag an gab es Reis. Zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendessen und das alles ohne Sauce. Da mag es wohl niemanden verwundern, dass ich nicht gerade an Gewicht zugelegt hatte. Meine Erlösung kam nach 400 km, dem nördlichsten Truck-Stop der Welt. Endlich konnte ich ein paar kleine Sachen kaufen, die mir auf dem Weg nach Fairbanks das Leben erleichterten. Obwohl der Dalton Highway sicher die härteste Strasse war bisher und ich schon nach 50 Kilometern am liebsten in ein warmes Bett gelegen wäre, war es eine Erfahrung ganz besonderer Art, und ich würde sofort wieder dort oben beginnen. Leider sah ich aber nur ein Karibu und nicht ganze Herden davon. Dafür stand ich etwas mehr als 10 Meter von einem Bison entfernt. Ein ziemlicher Koloss, wenn man bedenkt, dass zwischen mir und ihm nicht wie sonst üblich ein Zaun war.

Gegen Fairbanks zu wuchsen dann sogar Bäume, und nach fünf Tagen erreichte ich die Stadt, bei guter Gesundheit - aber etwas gerädert. Nachdem ich alle Teile wieder ersetzt oder repariert hatte, ging es weiter Richtung Süden. Schon nach kurzer Zeit war es mir auf dem Alaska Highway zu langweilig und ich wählte den Weg über die Wellblechpiste nach Dawson City. Doch vorher hatte ich an der kanadischen Grenze noch mein Geld vorzuzählen. Würden wir Schweizer das machen, kämen wir gleich mit dem Rassismus-Gesetz in Konflikt. Da ich aber genügend Geld bei mir hatte, wurde ich freundlicherweise eingelassen. Während in Alaska alle von den Bären erzählten, aber kaum jemals einer einen in der freien Wildbahn gesehen hatte (ausser im Denali Nationalpark), war es in Kanada ganz anders. Hier lernte man mit den Tieren zu leben und schoss sie nicht in rauhen Mengen ab. So konnte auch ich vor Whitehorse meinen ersten Bären in freier Wildbahn erleben und erst noch ein Grizzli. Gerade einmal 15 Meter vor mir passierte er die Strasse. Ich war noch nicht so schnell mit fotografieren und bekam ihn erst zu spät vor die Linse. Doch weil es ja nicht nur einen einzigen Bären in Kanada gibt, sah ich noch weitere davon. Es war immer wieder beeindruckend, so nahe bei den Tieren zu sein. Einmal war mir der Bär auch zu nahe an der Strasse, so dass ich schaute, dass ich möglichst schnell davonkomme. Sonst aber waren sie immer in optimaler Distanz (20-40 Meter). Mit meinem Namen ist es ja nur logisch, dass ich diese Tiere ins Herz geschlossen habe. Auf meiner Tier-Safari auf dem Weg nach Süden begegneten mir auch noch Moose (Elche), Hirsche, Deers (Art Rentier), Polar- und normale Füchse und noch viele weitere Tiere. Meine ursprünglich geplante Bären-Safari im Yellowstone-Park liess ich deshalb auch sausen. Ich ging nur zu den Geysiren. Ansonsten war ich von diesem Park eher etwas enttäuscht, denn riesige Flächen waren abgebrannt. Da gefielen mir doch die Nationalparks in Kanada (Jasper, Banff und wie sie alle heissen mögen) und vor allem der Glacier Nationalpark in Montana (USA) viel besser.

Was mir allerdings in Amerika nicht so passt, ist die Landkarte. Hier sieht man ganz eindeutig, dass diese Leute selten mit dem Fahrrad unterwegs sind, denn Pässe werden aus Prinzip nicht eingezeichnet und wenn, dann nur völlig unbedeutende. So geschah es, dass ich nach langem Aufstieg plötzlich auf 2600 Metern stand und auf der Karte keine einzige Kurve eingezeichnet war. Nun gut, inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und komme fast täglich in diese Höhen. Doch dass selbst ein 3300 Meter Pass nicht mit einem einzigen Strichlein bezeichnet war, erstaunte mich schon. Da ist es wohl verständlich, dass das Planen von Tagesetappen sich als schwierige Angelegenheit mit Bingokarakter herausstellte. Bevor ich mich von Euch für einige Zeit verabschieden werde, hier noch eine Kurzgeschichte. Unser vielzitierter "Kantönligeischt" existiert auch hier, einfach sind es hier in Amerika die verschiedenen Staaten. So würde ein Staat nie eine Ortschaft anzeigen, die in einem anderen Staat liegt, auch wenn sie noch so gross ist. Lieber wird ein mehr oder weniger nicht existentes Dorf aufgeführt. Und während sich normalerweise die Kilometerangaben auf die Distanz zwischen zwei Dörfern bezieht, so kann es durchaus vorkommen, dass die Kilometer oder besser natürlich die Meilen, erst von der Grenze an gezählt werden. Das ist aber aus der Karte nicht ersichtlich. So wurden eben aus 90 Kilometern plötzlich 130 und wenn man, wie ich damals, knapp mit Essen kalkuliert und der schon erwähnte 3300 Meter Berg dazwischen liegt, dann können eben Tage etwas länger werden und der Hunger etwas grösser.

Jetzt bleibt mir nur noch Euch eine gute Zeit zu wünschen und ich melde mich vermutlich von Mexiko wieder.

Urs

PS: alle die eine e-Mail Adresse haben und das sind ja die meisten, sollen diese doch bitte meinem Bruder mitteilen. Einfach eine Mail mit Eurer Adresse und dem Stichwort Trans-Amerika an its@up2u.ch und schon bekommt Ihr die Post schneller und ich kann das Porto sparen. Und ganz zum Schluss, unter der Adresse www.up2u.ch findet Ihr eine Homepage zu dieser Reise, und ich werde versuchen ab und zu zwischen den Rundbriefen einige Informationen weiterzugeben.

Ich könnte Euch noch so viel erzählen, aber irgendwann ist eben Schluss

 

© Andreas Bosshard, 15.03.99